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Europäisches Treffen der von Armut betroffenen Menschen – „Wir müssen den betroffenen Menschen zuhören, die ernsthaft daran interessiert sind, sich an der Suche nach Lösungen zu beteiligen“

20-11-2015

Ein Workshop bei dem 13. Europäischen Treffen von in Armut lebenden Personen, am 19. und 20. November in Brüssel
(c) Rebecca Lee/EAPN
Nationale Delegationen aus 30 europäischen Staaten, die aus von Armut betroffenen Menschen sowie Sozialarbeitern bestanden, kamen am 19. und 20. November 2015 in Brüssel zusammen, um zwei Tage lang am 13. Europäischen Treffen der von Armut betroffenen Menschen teilzunehmen, das in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission und dem luxemburgischen EU-Ratsvorsitz vom European Anti-Poverty Network (EAPN) ausgerichtet wurde.

Der diesjährige Fokus lag auf der Frage der Sozialstandards in der EU. Das Treffen verfolgte das Ziel, von Armut betroffenen Menschen durch die Ausrichtung von Konferenzen und thematischen Workshops die Möglichkeit zu bieten, Erfahrungen auszutauschen, Anerkennung zu erhalten und diese äußerst sensible Frage sichtbar zu machen vor dem Hintergrund, dass 122 Millionen Menschen in der EU als von Armut bedroht gelten. In diesem Zusammenhang zielte das Treffen auch darauf ab, einen strategischen Dialog zu eröffnen, indem ein direkter Austausch mit den politisch Verantwortlichen ermöglicht wird, um Überlegungen zu diesem Thema Raum zu geben.

Aus diesem Anlass traf die Internetredaktion des Ratsvorsitzes mehrere Mitglieder der luxemburgischen Delegation, die nach ihrer Rückkehr aus Brüssel über ihre Erfahrungen während der beiden Arbeitstage berichteten.

Austausch bildet den Kern des Treffens

Nicht weniger als 30 nationale Delegationen fanden sich am 19. und 20. November 2015 in Brüssel ein, um an einem Treffen teilzunehmen, dessen Leitmotiv der Austausch sein sollte, so Charles Berrang, Forschungsbeauftragter im Dienst Forschung und Entwicklung der Caritas-Stiftung und nationaler Koordinator der luxemburgischen Delegation für EAPN-Luxemburg.

Im Rahmen von zahlreichen Workshops und runden Tischen konnten die Delegationen ihre Erfahrungen auf nationaler Ebene austauschen. Dabei reichte der Austausch von der Lebenswirklichkeit der von Armut Betroffenen selbst über die Arbeit der Verbände in diesem Bereich hin zu der vorhandenen oder eben nicht vorhandenen Unterstützung seitens der Politik. Bei einer gemeinsamen Übung wurde deutlich, „dass es zwischen den einzelnen Regierungen große Unterschiede gibt“, und dass, „wenn auch in Luxemburg nicht alles rosig ist, hier schon einiges getan wird“, fuhr er fort.

Armut ist kein rein finanzielles Phänomen

Vor diesem Hintergrund lautet die wichtigste Botschaft dieses Treffens, dass die Definition von Armut nicht auf finanzielle Armut beschränkt sein darf, sondern alle mit ihr verbundenen Aspekte berücksichtigen muss. „Armut kann auch kultureller Natur sein“, rief Charles Berrang in Erinnerung und bemerkte weiter, dass sich die Diskussion um die Notwendigkeit gedreht habe, dass „arme Menschen nicht hierarchisiert werden dürfen und man keine Prioritäten für bestimmte von Armut betroffene Menschen festlegen kann“. So empfing die Konferenz „ein breites Spektrum“ sehr unterschiedlicher Menschen: Opfer sexuellen Missbrauchs, Arbeitslose oder Alleinerziehende.

Nadia Dondelinger, Leiterin des Ateliers Schläifmillen und des ACT!-Dienstes des Inter-Action-Verbands und Verwaltungsmitglied des EAPN Luxemburg, sieht eine große Gefahr darin, von Armut Betroffene gegeneinander auszuspielen, vor allem diejenigen, die arbeiten und diejenigen, die dies nicht können, was recht häufig vorkommt. „Sagt man, dass ein von Armut Betroffener mehr Hilfe verdient als ein anderer und dann diesem Anderen Hilfe versagt, besteht die Gefahr, dass dieser Mensch drei Monate später noch schlechter dasteht und über Jahre Hilfe benötigt“, erklärte sie.

Die Armut kann außerdem sehr schnell zunehmen und jeden betreffen, fügte Charles Berrang hinzu. Die niederländische Delegation führte ein Video vor, das die Geschichte eines jungen, „verheirateten und glücklichen“ Mannes erzählte. Sein Leben geriet durch seine Scheidung aus den Fugen und der Tod seines Vaters „besiegelte seinen Absturz“. „Auch Menschen mit normalem Leben können wegen persönlicher oder beruflicher Schicksalsschläge in die Armut abrutschen“, merkte er an.

Schließlich sei es in diesem Zusammenhang wichtig zu erwähnen, dass es nicht die Armut ist, die den Menschen definiert, fügte Nadia Dondelinger hinzu. „Die Menschenwürde, der Charakter, sind weit wichtigere Faktoren als die Frage, ob man arm ist“, erklärte sie. Die Menschenwürde müsse daher im Kern jedes Gesetzesvorhabens zu diesem Themenkomplex liegen, forderte die Beauftragte.

In Luxemburg stellen Arbeit und Wohnraum Quellen prekärer Lebensverhältnisse dar

Von einem solchen Schicksalsschlag war Tahar, Mitglied der luxemburgischen Delegation, betroffen. Mit seinen 55 Jahren arbeitet der ausgebildete Restaurantfachmann seit drei Jahren im Rahmen des garantierten Mindesteinkommens in der Vollekskichen („Volksküche“) des „Nationalen Komitees für sozialen Schutz“ (frz. Comité National de Défense Sociale (CNDS)), nachdem er im Zuge einer „sehr schwierigen“ Scheidung seinen Arbeitsplatz verloren hatte und sein Kind nur noch drei Stunden in der Woche sehen darf.

Diese Situation führte „von einem Tag zum anderen“ in das Prekariat. Die Frage der Beschäftigung ist dabei direkt mit der Frage des Wohnraums verknüpft: Trotz einer Vollzeitstelle gibt ihm sein Status als Empfänger des garantierten Mindesteinkommens, der regelmäßig überprüft wird und aufgehoben werden kann, nicht dieselben Vorteile eines Festvertrages, der aber in Luxemburg häufig Voraussetzung für eine Wohnung ist. Eine Rückkehr an den ersten Arbeitsmarkt könnte sich jedoch angesichts seines Alters, das Arbeitgeber häufig als zu hoch einschätzen, als schwierig erweisen.

Tahar nahm an diesem Treffen teil, um den Umstand zu verdeutlichen, dass „Armut jeden zu jeder Zeit treffen kann“. „Wenn man den Reden der anderen Delegationen zuhört, sieht man, dass es uns hier gut geht und dass Luxemburg den Menschen hilft, allerdings muss man vor einigen Problemen besonders warnen, vor allem in Bezug auf die Arbeit und den Wohnraum“, betonte er und stellte klar, dass das Land zwar unter jenen sei, die in Europa den besten Ruf hätten, vieles im Großherzogtum jedoch nicht so einfach sei. „Wohnraum zählt zu den großen Quellen prekärer Lebensverhältnisse in Luxemburg“, fügte er hinzu, insbesondere für Empfänger des garantierten Mindesteinkommens und für Alleinerziehende.

Von Armut betroffene Menschen „wollen echte Teilhabe und sie wollen gehört werden“

Vor diesem Hintergrund möchte das Europäische Treffen der von Armut betroffenen Menschen vor allem eine Plattform zum Austausch mit den politisch Verantwortlichen für Menschen in dieser Situation bieten. „Wenn Sie sich in dieser Situation befinden und keiner zuhört, ist es sehr schwer. Dieses Treffen zollt diesen Menschen also den Respekt, den sie verdienen, indem ihnen zugehört wird und ihre Botschaft direkt den Organisationen übermittelt wird“, betonte Nadia Dondelinger. In diesem Zusammenhang betonte Charles Berrang „den tiefen Wunsch nach Teilhabe und Gehör“ der Betroffenen und dass diese „häufig den Eindruck haben, dass die Politik ziemlich losgelöst von allem stattfindet“. Er zitierte einen Teilnehmer: „Der beste Austausch findet von Angesicht zu Angesicht statt“.

„Es hat einen echten Mehrwert, wenn die politisch Verantwortlichen auf echte Menschen treffen“, fuhr Charles Berrang fort. Ihm zufolge erlaubten es direkte Kontakte gelegentlich, konkretere Fortschritte zu erzielen. „Es sind zwei ziemlich verschiedene Welten. Jemanden aber zu sehen und dem zuzuhören, was er zu sagen hat, ist etwas ganz anderes, als es in einem Bericht zu lesen. Die Lebenswirklichkeit der Betroffenen, von der die Betreuer nur berichten können, ist oft „sehr hart“, schloss Nadia Dondelinger.

„Jeder verdient ein Leben in Würde“

In der Zusammenfassung aus ihrer Teilnahme an den Workshops hebt die luxemburgische Delegation drei Erkenntnisse hervor:

Erstens wird daran erinnert, dass „jeder ein Leben in Würde verdient“ und dass man nun die „Mauern zwischen Unterschieden in der Armut einreißen muss und von Armut Betroffene nicht länger hierarchisieren darf“. „Unser aller Problem ist die Armut unabhängig von den einzelnen Unterschieden und wir müssen sie gemeinsam bekämpfen“, betonte Charles Berrang.

Zweitens muss den betroffenen Menschen Gehör geschenkt werden“. „Dies geht aus der öffentlichen Diskussion hervor: Es gibt einen tiefen Wunsch, an der Suche nach Lösungen beteiligt zu sein“. Schließlich müssen wir „das Potenzial der Menschen betrachten“, anstatt uns auf ihre Situation oder ihr Erscheinungsbild zu beschränken. „Es geht darum zu sagen: Ich habe Fähigkeiten, ich kann Dinge bewegen. Beschränken Sie sich nicht auf meine derzeitige Situation“, schloss Charles Berrang.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 24-11-2015