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"Staying on track" – Bildungsexperten formulieren Empfehlungen für den Kampf gegen den Schulabbruch

09-07-2015 / 10-07-2015

Präsentation der Workshop-Ergebnisse
Am 9. und 10. Juli 2015 nahmen unter der Schirmherrschaft des luxemburgischen EU-Ratsvorsitzes knapp 200 Experten für formale und non-formale Bildung an einem Symposium in Belval im Süden Luxemburgs teil, das unter dem Motto "Staying on track - Kampf gegen den Schulabbruch und Förderung des schulischen Erfolgs" stand.

Das Ziel war, eine Halbzeit-Bilanz zu ziehen aus den Strategien "Europa 2020" und "Allgemeine und berufliche Bildung 2020", insbesondere aus den Maßnahmen und den fortzuführenden Bemühungen der Mitgliedstaaten zur Verringerung von Schulabbrüchen in Europa. Auf Grundlage der im Laufe des Symposiums vorgeschlagenen Ideen und Empfehlungen beabsichtigt der luxemburgische Ratsvorsitz, einen Entwurf von Schlussfolgerungen zu unterbreiten, der den Ministern des Rates "Bildung, Jugend und Kultur" im November 2015 zur Zustimmung vorgelegt wird, um diesem Thema auf europäischer und nationaler Ebene eine neue Dynamik zu verleihen.

Konkret teilten sich die Experten auf fünf parallel stattfindende Themen-Arbeitsgruppen auf, deren Schlussfolgerungen am 10. Juli 2015 im Plenum präsentiert wurden. Daran schloss sich ein Meinungsaustausch zwischen verschiedenen europäischen Akteuren zu den Aussagen der Arbeitsgruppen an. Es folgte die Schlussrede von Michel Lanners, Erster Regierungsberater im Ministerium für Bildung, der den luxemburgischen Minister für Bildung Claude Meisch vertrat.

Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppen

Arbeitsgruppe 1: Auf dem Weg zu einer nationalen Strategie im Kampf gegen den Schulabbruch

Die Experten dieser Arbeitsgruppe unterstrichen die Bedeutung der Einführung nationaler Strategien, um Schulabbrüche wirksam zu bekämpfen. Sie stellten fest, dass es mehreren Ländern gelungen sei, eine nationale Strategie zu verabschieden, anderen jedoch nicht. Ihrer Meinung nach müssen von den nationalen Regierungen in Auftrag gegebene Koordinierungsplattformen eingerichtet werden, damit sich alle Akteure miteinander beraten können. Unter diesen Akteuren müsse ein Vertrauensverhältnis bestehen, damit sie effizient handeln können. Sie erwarteten von der EU, dass sie den Austausch bewährter Praktiken fördere und dass die Frage des Schulabbruchs in der Ausbildung berücksichtigt werde.

Arbeitsgruppe 2: Förderung der Vielfalt in Schulen

In dieser Arbeitsgruppe betonten die Experten vor allem, wie wichtig es sei, die Schulen darin zu unterstützen, ein Lernumfeld zu schaffen, das die Vielfalt begünstigt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten in ihren Augen die Kompetenzen der Lehrkräfte gestärkt werden, insbesondere ihre Kompetenz im Bereich der Zusammenarbeit, die ihnen ermöglichen solle, ihre Erfahrungen im Bereich der Vielfalt auszutauschen.

Außerdem sollen sich laut den Experten die "Inklusionsschulen" in einer integrativen Gesellschaft weiterentwickeln. Beispielsweise solle der Arbeitsmarkt die "Vielfalt würdigen", insbesondere die sprachliche Vielfalt.

Sie plädierten für Schulen, welche die sprachliche Vielfalt in ihre Lehrumgebung integrieren. Ihrer Ansicht nach müsse man die Sprache eines jeden Schülers sichtbar machen und würdigen und ihm die Anwendung seiner Muttersprache in der Schule erlauben.

Arbeitsgruppe 3: Studien und Analysen zum Schulabbruch − Komplementarität der europäischen, nationalen und individuellen Perspektiven

Die Experten dieser Arbeitsgruppe machten deutlich, dass man sich auf europäischer Ebene über die Nutzung des Schulabbruch-Indikators einig sei, der im Rahmen der Arbeitskräfteerhebung (AKE) definiert wurde und Vergleiche zwischen den Ländern ermöglicht. Ihrer Auffassung nach könne es erforderlich sein, ergänzende Studien auf nationaler Ebene durchzuführen, um auf besondere Bedarfssituationen zu reagieren. Diese Bedarfssituationen können nationaler, regionaler oder lokaler Art sein oder sich auf bestimmte Schulen oder spezielle Gruppen beschränken. Derartige Studien ermöglichen ihrer Meinung nach einen gezielteren Kampf gegen den Schulabbruch.

Arbeitsgruppe 4: Förderung harmonischer Bildungswege

Die Experten unterstrichen, wie wichtig es sei, eine präzise Kartographie "auf der Grundlage verfügbarer Studien und Längsschnittdaten" zu erstellen, die festlege, welche Faktoren einen möglichen Schulabbruch voraussagen lassen. Dies ermögliche ihnen zufolge ein "präzises und gezieltes" Handeln. Sobald eine solche Kartographie erstellt sei, müsse auf "systemischer Ebene", z. B. über mehr "unterstützende Faktoren", und auf lokaler Ebene gehandelt werden. Diese letzte Ebene müsse es ermöglichen, einen auf die Schüler abgestimmten "integrativen Ansatz" zu erarbeiten. Diese Aufgabe komme ihnen zufolge den Lehrkräften zu, aber auch den "multidisziplinären Teams", die es ermöglichen müssen, Probleme wie Mobbing in der Schule zu regeln.

Sie unterstrichen anschließend, wie wichtig es sei, Daten über Schülern auszutauschen, wenn diese die schulische Einrichtung wechseln. Dieser Austausch müsse "absolut vertraulich" erfolgen und ermöglichen, den Verlust von Informationen zu vermeiden.

Die Experten verwiesen ferner darauf, dass die regelmäßige Präsenz der Eltern für einen harmonischen Bildungsrahmen wichtig sei.

Arbeitsgruppe 5: Politische Maßnahmen, Strategien und bewährte Praktiken im Bereich der multilateralen Zusammenarbeit, um die Jugendlichen wieder auf den richtigen Weg zu bringen

Die Experten wiesen darauf hin, dass die non-formale Bildung für den Erwerb von Qualifikationen von Bedeutung sei. Ihrer Meinung nach gebe es drei wichtige Voraussetzungen für die im Rahmen der Zusammenarbeit im Kampf gegen den Schulabbruch eingerichteten Projekte: "Zeit, Vertrauen und Kreativität".

Arbeitsgruppe 6: Aufbau von Beziehungen zwischen Schule, Familie und Gemeinschaft

"Studien haben gezeigt, dass die Einbeziehung der Familien das Lernen verbessert", unterstrichen die Experten. Ihrer Auffassung nach sei die Beteiligung der Eltern wesentlich. Diese sollen das Lernen ihrer Kinder fördern, ein Familienumfeld schaffen, welches das Lernen begünstigt, nicht zu ehrgeizige Ziele setzen und sich für die Gemeinschaft und für die Bildung der Kinder engagieren.

Meinungsaustausch

Diskussion über die Kernbotschaften
Bei dem sich anschließenden Meinungsaustausch begrüßten die europäischen Akteure die in den Arbeitsgruppen formulierten Kernbotschaften. Laut Sophie Beernaerts von der GD Kommunikation der Europäischen Kommission sind diese Aussagen "eine klare Ermutigung" für die Kommission, den Mitgliedstaaten Anreize zu geben, damit sie eine nationale "ganzheitliche" Strategie im Kampf gegen den Schulabbruch entwickeln. "Auf europäischer Ebene werden wir uns weiterhin über bewährte Praktiken austauschen", betonte sie.

Eszter Salamon, Vorsitzende der Europäischen Elternvereinigung, und Chris Harrison von der europäischen Schulleitervereinigung (ESHA), meinten dazu, dass die Schulleiter "absolut notwendig" im Kampf gegen den Schulabbruch seien. "Wenn die Schulleitung von etwas überzeugt ist, kann dies die Meinung des Lehrkörpers ändern", unterstrich sie. Chris Harrison meinte außerdem, dass Lehrer sensibilisiert und professionell geschult sein müssen, um in einem Umfeld mit "zunehmend pluraler Vielfalt" unterrichten zu können.

Eszter Salamon hob im Übrigen hervor, dass "es nicht ausreicht, Kindern aus einem schwachen sozio-ökonomischen Umfeld zu helfen", ohne dabei auf eine gute Integration der Eltern in den Arbeitsmarkt zu achten.

Odile Cordelier vom Europäischen Gewerkschaftskomitee für Bildung und Wissenschaft kritisierte die Tatsache, dass die Definition nationaler Politiken im Kampf gegen den Schulabbruch nicht in jedem Mitgliedstaat auf der Tagesordnung des sozialen Dialogs stehe.

Marcio Barcelos vom European Youth Forum und Brendan Power von OBESSU unterstrichen ihrerseits, wie wichtig es sei, die Jugendlichen in die Diskussionen über den schulischen Erfolg einzubinden.

Schlussrede von Michel Lanners

Schlusswort von Michel Lanners, am 10. Juli 2015
"Ihre Anwesenheit und die Schlussfolgerungen des Austauschs zeigen, dass der Kampf gegen den Schulabbruch mehr als je zuvor ein Ziel ist, das wir ernst nehmen sollten", erklärte Michel Lanners in seiner Schlussrede. "Der Erfahrungsaustausch untereinander ist in der Tat ein wesentlicher Katalysator, der uns in unseren jeweiligen Ländern die Einführung einer besseren Politik ermöglicht", fügte er hinzu.

Michel Lanners war der Ansicht, das Symposium habe gezeigt, dass Unterschiede zwischen den Ländern bestehen, aber auch, dass viele Mitgliedstaaten vor denselben Herausforderungen stehen. "Dies bestätigt die Bedeutung unseres Ansatzes einer offenen Kooperationsmethode auf europäischer Ebene und verpflichtet uns zu einer verstärkten Sensibilisierung auf nationaler Ebene", betonte er.

Er war der Ansicht, dass die Schule keine "Antwort auf alle Bedürfnisse und alle Probleme" bieten könne, so dass "eine Beteiligung und Zusammenarbeit aller Akteure erforderlich" sei, was die Familie und das direkte Umfeld des Kindes mit einschließe. Michel Lanners meinte, dass die Ausbildung der Lehrkräfte angepasst werden müsse und dass man den Eltern helfen müsse, "das zu übernehmen, was die Schule nicht leisten kann". Die Rolle der schulischen Einrichtungen müsse insbesondere darin bestehen, die Schüler zu ermutigen, sich gegenseitig zu unterstützen, vor allem durch Tutoring- und Mentoring-Methoden.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 11-07-2015