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Konferenz „Soziale Unternehmen in Europa fördern" – Experten erörtern, wie soziale Innovation geschaffen werden kann

03-12-2015 / 04-12-2015

Am 3. Dezember 2015 widmete sich eine Expertendiskussionsrunde bei der im Rahmen des luxemburgischen EU-Ratsvorsitzes organisierten Konferenz zum Thema „Soziale Unternehmen in Europa fördern“ der Frage, wie soziale Innovation, d. h. die Entwicklung und Umsetzung neuer Konzepte als Antwort auf soziale Problemsituationen, geschaffen werden kann. Die Experten debattierten auch über die Art und Weise wie soziale Innovation systematisch in den Anreiz und in die Entwicklung der wirtschaftlichen Aktivitäten integriert werden kann.

„Magdas Hotel“ - das erste von Flüchtlingen geführte Hotel

Gabriella Sonnleitner und Robert Urbé in Luxemburg, am 3. Dezember 2015
© MTEESS / ULESS
Eines der sozialen Unternehmen, dem sich die Experten widmeten, ist Magdas Hotel, das erste Hotel in Europa, das von Flüchtlingen geführt wird. Es wurde im Februar 2015 in Wien (Österreich) eröffnet. Gabriela Sonnleitner, der diese Initiative zu verdanken ist, erklärte, dass die Zielsetzung dieses sozialen Unternehmens darin bestehe, Flüchtlinge zu unterstützen, indem ihnen eine Ausbildung angeboten werde. So könnten sich sich leichter in den Arbeitsmarkt integrieren. Diese Initiative sei ihrer Meinung nach umso wichtiger, als im Hotelsektor ständig Arbeitskräfte gesucht würden.  „Anstatt uns auf die Schwächen der Leute zu konzentrieren, setzen wir vielmehr auf deren Ressourcen“, fügte sie hinzu und erklärte die Philosophie ihrer Einrichtung. Um sich zu finanzieren setzt diese Einrichtung, über die Unterstützung durch die Caritas Österreich hinaus, auf Partnerschaften mit Museen und Akteuren des Privatsektors. „Magdas ist ein gutes Konzept, nicht nur für Wien, sondern auch für ganz Europa“, erklärte sie zum Abschluss ihres Redebeitrags.

Soziale Innovation definieren

Bei der Frage über die Art und Weise, wie soziale Innovation definiert werden kann, erklärte Heather Roy, Generalsekretärin der sozialen Plattform Eurodaconia, einem europäischen Netzwerk von Kirchen und christlichen gemeinnützigen Organisationen, dass soziale Innovation kein Selbstzweck sei, sondern vielmehr ein Prozess mit der Zielsetzung, „wünschenswerte und notwendige soziale Ergebnisse zu erzielen“. „Es geht darum, soziale Problemstellen zu identifizieren, und dann zu bestimmen, wie man sie mittels sozialer Prozesse beheben kann“, erklärte sie. Andreja Rosandic, leitende Angestellte bei NESsT, einer Organisation für die Entwicklung nachhaltiger Sozialunternehmen, die helfen, kritische soziale Probleme in Ländern mit einer aufstrebenden Wirtschaft zu lösen, vertritt ihrerseits den Standpunkt, dass die soziale Innovation auch darin bestehe, Arbeitsplätze zu schaffen.

Felix Oldenburg von der Organisation Ashoka betonte hingegen, wie wichtig es sei, den wirtschaftlichen Erfolg neu zu definieren, um die soziale Innovation zu definieren. Der Erfolg eines sozialen Unternehmens bestehe seiner Meinung nach in dem Versuch, „die Welt für Millionen Menschen zu verändern“, und nicht darin, Millionen Umsätze zu erzielen.

Für Nicolas Hazard bildet die soziale Innovation einen Sektor mit hohem Potenzial

Für Nicolas Hazard, Gründer und Präsident des Comptoir de l’Innovation, einer Einrichtung zur Finanzierung, unterstützenden Betreuung und Förderung der Entwicklung von sozialen Unternehmen weltweit, bildet die soziale Innovation einen Sektor mit hohem Potenzial. Er wies darauf hin, dass dieser Sektor in Frankreich 10 % des Bruttoinlandsprodukts und 10 % der Beschäftigung ausmache, sodass er dieselbe wirtschaftliche Bedeutung wie der Automobilsektor habe. Aus seiner Sicht ermögliche die soziale Innovation vor allem die Schaffung von Arbeitsplätzen für Jugendliche und für Migranten.

Sodann monierte Nicolas Hazard, dass nur wenige in der EU eine echte Vorstellung über die Arbeit von sozialen Unternehmen hätten. Dies zeige, wie wichtig eine bessere Kommunikation in diesem Bereich sei.

Denis Stokkink begrüßt die Bemühungen des luxemburgischen Ratsvorsitzes auf dem Gebiet der Sozial- und Solidarwirtschaft

Denis Stokkink, Präsident der europäischen Denkfabrik „Pour la Solidarité“, einer Struktur im Dienste der Bürger und politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger der EU zur Förderung jeglicher Solidaritätsbemühungen, und Professor an der Freien Universität Brüssel, betonte, wie wichtig es sei, die Initiativen der sozialen Unternehmen zu vereinen und ihre Zusammenarbeit zu stärken, damit sie eine bedeutende „Hebelwirkung“ haben können. Aus seiner Sicht sei auch ein ständiger Dialog zwischen den Akteuren vor Ort, den politischen Entscheidungsträgern, aber auch den wirtschaftlichen Akteuren, die nicht diesem Sektor angehören, „notwendig“ und „unerlässlich“.

Sodann betonte der Redner auch, wie wichtig es sei, dass die öffentlichen Gewalten die Sozialwirtschaft nicht zum Vorwand nähmen, um sich aus dem sozialen Bereich zurückzuziehen. Die sozialen Unternehmen und die staatlichen Behörden müssten seiner Meinung nach auf gleicher Ebene zusammenarbeiten.

Eine weitere Herausforderung liege aus seiner Sicht in der Notwendigkeit, die soziale und wirtschaftliche Rentabilität der sozialen Unternehmen zu gewährleisten, um Ungleichheiten zu bekämpfen und den sozialen Zusammenhalt zu sichern.

Er begrüßte die Initiativen des luxemburgischen Ratsvorsitzes auf dem Gebiet der Sozial- und Solidarwirtschaft. Zudem verwies er auf die Schlussfolgerungen betreffend die Förderung der Sozialwirtschaft als wesentlicher Antriebskraft der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Europa, die am 7. Dezember 2015 in Brüssel vom Rat „Beschäftigung, Sozialpolitik, Gesundheit und Verbraucher“ (EPSCO) verabschiedet werden dürften; diese Schlussfolgerungen beurteilte er als „äußerst wichtig“. „Dieser Ratsvorsitz zeigt sehr deutlich, dass selbst ein kleines Land wie Luxemburg ganz wesentlich Einfluss nehmen konnte, indem politische Schlussfolgerungen verabschiedet wurden, die nicht nur zukunftsweisend sein werden“, sondern „auf die sich alle europäischen Institutionen auch in der Zukunft beziehen können“, so Stokkink zum Abschluss seines Redebeitrags.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 16-12-2015