Beschäftigung, Sozialpolitik, Gesundheit und Verbraucherschutz - Verkehr, Telekommunikation und Energie
Andere

Konferenz „Digitale Wirtschaft: Bereit für die Jobs von Morgen!“ – Die europäischen Experten beschäftigten sich mit den Auswirkungen der digitalen Wirtschaft auf die Arbeitswelt

10-11-2015

Der luxemburgische Ratsvorsitz veranstaltete am 10. und 11. November 2015 mit der Unterstützung der Europäischen Kommission eine Konferenz mit dem Titel „Digitale Wirtschaft: Bereit für die Jobs von Morgen!“. Mehrere Entscheidungsträger, Sozialpartner und Experten erörterten im Verlauf des ersten Tages das Thema digitaler Wandel und seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt, die Reaktionen im Bereich der staatlichen Politik und die Rolle des Europäischen Sozialfonds in diesem Zusammenhang.

Während der ersten Sitzung der Konferenz am 10. November 2015 befassten sich die Redner mit den Auswirkungen der digitalen Wirtschaft auf die Schaffung und/oder den Abbau von Arbeitsplätzen in Europa. Xavier Bettel, der luxemburgische Premierminister und Minister für Kommunikation und Medien, verwies in diesem Zusammenhang auf die „enormen Herausforderungen“ in der EU, insbesondere im Hinblick auf die Kompetenzen im digitalen Bereich – ein Problem, das die anderen Redner ebenfalls hervorhoben.

Die EU hat vor allem ein Problem in Bezug auf Kompetenzen im digitalen Bereich

Xavier Bettel, am 10. November 2015
In seiner Eröffnungsrede erklärte Xavier Bettel, dass die Herausforderungen bezüglich der Auswirkungen der digitalen Wirtschaft auf die Beschäftigung „enorm sind“. Seiner Ansicht nach habe die EU vor allem ein Problem, was Kompetenzen im digitalen Bereich (sog. „e-skills“) anbelangt. Viele Unternehmen würden sich nicht in Europa ansiedeln, da sie dort keine Arbeitskräfte mit entsprechenden digitalen Kompetenzen finden, hob er hervor. Seiner Ansicht nach sei es „die Aufgabe des Bildungssystems, darauf zu reagieren“. „Wenn wir neue Berufe schaffen, braucht es Ausbildungen, die diesen neuen Berufen entsprechen“, fügte der Minister hinzu. Er bedauerte, dass in der EU zahlreiche Ausbildungen nicht mehr „an die Realität dieser neuen Berufe angepasst“ seien und dass junge Menschen häufig keine Ahnung von diesen Berufen hätten.

Der Minister wies ebenfalls auf „ein Mentalitätsproblem“ in Europa hin, das daran liege, dass „mit dem Finger auf jemanden gezeigt wird, der Konkurs macht“. Dies schade ihm zufolge dem Unternehmungsgeist.

Er betonte in diesem Zusammenhang, wie wichtig es sei, dass der öffentliche und private Sektor zusammenarbeiten und die digitale Technologie horizontal behandelt werde. „Dies ist der Grund, weshalb wir für den Abend vor der nächsten Tagung des Rates ‚Verkehr, Telekommunikation und Energie‘ im Dezember mit EU-Kommissar Günther Oettinger die für den Sektor Telekommunikation und Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zuständigen Akteure, aber auch die Minister für Beschäftigung, Bildung und Forschung, zu einem Arbeitsessen eingeladen haben, um dieses Thema ausführlich zu erörtern“, teilte er mit.

Xavier Bettel lehnte schließlich den Gedanken ab, „die IT-Entwicklung aus Angst, Arbeitsplätze zu verlieren, zu bremsen“. „Andere Kontinente werden auf den digitalen Wandel setzen und den Europäern letztendlich ihr System und ihren Lebensstil auferlegen“, warnte er. „Es ist wichtig, dass wir uns selbst zu erschaffen wissen und dass wir diese Herausforderung selbst annehmen“, merkte er an.

Den digitalen Wandel nicht auf seine wirtschaftlichen und technischen Aspekte beschränken, sondern dabei auch die beschäftigungsrelevanten Aspekte berücksichtigen

„Die Digitalisierung hat unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft überall auf der Welt verändert und wird dies auch in Zukunft weiterhin tun“, erklärte ihrerseits Andrea Nahles, die deutsche Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

Die Digitalisierung der Wirtschaft habe ihr zufolge „die traditionellen Geschäftsmodelle in Frage gestellt und den Wettbewerbsdruck erhöht“. Ihrer Auffassung nach werde es der EU nur vereint gelingen, sich im Wettbewerb mit den USA und Asien zu behaupten. „In der Zukunft werden unser Wachstum und unsere Wettbewerbsfähigkeit weitgehend von unserer Fähigkeit abhängen, den digitalen Wandel Europas mit seiner ganzen Komplexität gemeinsam zu bewältigen“, merkte sie an.

Unter Hinweis auf die Digitale Agenda für Europa und das Maßnahmenpaket der Kommission für einen digitalen Binnenmarkt betonte Andrea Nahles, wie wichtig es sei, den digitalen Wandel nicht auf seine wirtschaftlichen und technischen Aspekte zu beschränken. Ihrer Ansicht nach müssten dabei auch die beschäftigungsrelevanten Aspekte berücksichtigt werden.

Es gehe ihr zufolge um die Beantwortung der Frage, welche Rolle der Mensch in der zukünftigen Wirtschaft spielen werde. Unter Erwähnung der mit dem Verlust von Arbeitsplätzen verbundenen Ängste erklärte sie, dass jedes Mal, wenn in der Vergangenheit ein Wirtschaftswandel stattgefunden habe, dieselben Ängste aufgekommen seien, diese sich jedoch als unbegründet erwiesen hätten.

Die Rednerin ist der Ansicht, dass der digitale Wandel von Vorteil für Menschen mit Behinderung seien und es ermöglichen werde, monotone Arbeiten zu vermeiden. Darüber hinaus werde er eine größere Flexibilität was den Arbeitsort und die Arbeitszeit betrifft ermöglichen, wodurch sich ihrer Auffassung nach Arbeit und Familie besser vereinbaren lassen könnten.

Es gilt vielmehr, die Digitalisierung aktiv zu formen, um sie mit dem Menschen kompatibel zu machen, anstatt sie aufzuhalten“, so die Ministerin. Daher sei es ihr zufolge notwendig, die beschäftigungsrelevanten Überlegungen in die digitale Agenda der EU einfließen zu lassen.

Zuletzt erklärte Andrea Nahles, dass die Digitalisierung mehrere „Zukunftsfragen“ umfasse: 

  • Wie kann das Arbeitnehmerrecht in einer digitalen Arbeitswelt gewährleistet werden? Die Rednerin plädierte für die Einführung gemeinsamer europäischer Mindeststandards diesbezüglich.
  • Wie kann der Datenschutz gewährleistet werden?
  • Wie kann eine zeitgemäße Weiterbildung sichergestellt werden?
  • Wie lässt sich Flexibilität definieren, um eindeutige Grenzen festzulegen? Sie nannte in diesem Zusammenhang die Gefahr psychischer Störungen in Verbindung mit der Arbeitsintensivierung und der ständigen Erreichbarkeit.

Die Arbeit wird in Zukunft immer „qualitativer“ werden

John Straw, Experte auf dem Gebiet der neuen Technologien, schilderte fünf Technologiebereiche, die seiner Auffassung nach einen „Bruch“ (engl. „disruption“) in der Wirtschaftswelt bewirken werden: die künstliche Intelligenz, der 3D-Druck, die fortgeschrittene Robotik, die virtuelle Realität und schließlich das Internet der Dinge (engl. „Internet of things“). Er erklärte, dass die Arbeit in Zukunft immer „qualitativer“ werde: Die Digitalisierung könnte die mühsamen Aufgaben den Maschinen überlassen und so den Menschen Freiraum für die kreativen Aufgaben und die Aufgaben der Pflege und Betreuung von Menschen schaffen.

In der nahen Zukunft werden 90 % der Arbeitsplätze ein gewisses Niveau an digitalen Kompetenzen erfordern

Zoltán Kazatsay, der stellvertretende Generaldirektor der GD Beschäftigung, erklärte, dass die Anzahl der Beschäftigten in den Hightechindustrien und -dienstleistungsbereichen zwischen 2000 und 2011 um 20 % gestiegen sei. Ferner werde es bis 2020 rund 825.000 unbesetzte Stellen für Fachkräfte im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) geben.

Der Redner knüpfte an die Ausführungen von Xavier Bettel an, indem er auf das Problem der mangelnden Übereinstimmung zwischen den erforderlichen Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt und den Kompetenzen, über die Arbeitssuchende in der EU verfügen, hinwies. Er betonte, wie wichtig es sei, durch eine Verbesserung der Bildungssysteme eine Lösung für dieses „,Missverhältnis der Qualifikationen“ zu finden. „In der nahen Zukunft werden 90 % der Arbeitsplätze ein gewisses Niveau an digitalen Kompetenzen erfordern. Rund 40 % der EU-Bürger verfügen jedoch nur über ein geringes Niveau oder haben überhaupt keine digitalen Kompetenzen“, merkte er an.

Zoltán Kazatsay wies darauf hin, wie wichtig es sei, zur Lösung dieses Problems Gebrauch vom Europäischen Sozialfonds, von der Großen Koalition für digitale Arbeitsplätze und von der Agenda für neue Kompetenzen für Europa, die 2016 von der Kommission vorgestellt werde, zu machen.

Arbeitnehmervertreter in Diskussionen über die Einführung digitaler Technologien einbeziehen

Thomas Fischer, am 10. November 2015
Thomas Fischer vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) erklärte seinerseits, dass die Gewerkschaften europaweit noch nicht für „die hybride Produktion“ aufgestellt seien, weil „sie häufig in alten Branchen organisiert sind, die die wirtschaftliche Realität noch nicht widerspiegeln“.

Der Redner räumte ein, dass die Digitalisierung eine Gelegenheit zur Schaffung neuer humanerer und weniger belastender Arbeitsplätze darstelle. Er warnte dennoch vor der Gefahr von psychischen Erkrankungen in Verbindung mit der digitalen Leistungskontrolle am Arbeitsplatz. Ein weiteres Problem sei ihm zufolge die Tatsache, dass zunehmend mehr Menschen aufgrund eines Anstiegs selbstständiger Arbeit nicht mehr durch Arbeitsverträge geschützt seien.

Er betonte zuletzt, wie wichtig es sei, Arbeitnehmervertreter in Diskussionen über die Einführung digitaler Technologien einbeziehen.

„Die digitale Welt wird so aussehen, wie wir sie gestalten“

„Die digitale Welt wird so aussehen, wie wir sie gestalten“, erklärte der stellvertretende Direktor von Orange, Bruno Mettling, der einen Bericht für die französische Regierung verfasst hat, in dem er die Effekte des digitalen Wandels auf die Arbeitswelt darlegt und mehrere Empfehlungen zur Begleitung des digitalen Übergangs aufführt.

Er betonte die Notwendigkeit, darüber zu diskutieren, um „die Gefahren abzuschätzen“ und „ein Gleichgewicht zu definieren“. Bei den Gefahren nannte er insbesondere die mit der Isolation der Telearbeiter verbundenen Pathologien und „die übermäßige Konnektivität“ der Arbeiter außerhalb der Arbeitszeit. Er verwies außerdem auf die Tatsache, dass digitale Technologien eine Reihe wichtiger Arbeitsplätze in den „Frauen-Berufen“ zerstöre, während Stereotype, die in einigen Ländern existieren, bewirken würden, dass hauptsächlich Männer sich den technischen Berufen zuwenden.

Der Redner betonte insbesondere, wie wichtig es sei, zur Begleitung des digitalen Übergangs eine digitale Bildung auf allen Ebenen zu veranlassen, eine Bildung mit entsprechender Verwendung der digitalen Hilfsmittel zu fördern und die arbeitsrechtlichen Vorschriften anzupassen.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 12-11-2015