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6. jährliches Forum der Chartas der Vielfalt in der EU – Die Rolle des öffentlichen Sektors und der Medien als Förderer der Vielfalt, die als „entscheidend“ erachtet wird

28-10-2015

Corinne Cahen beim 6. Jahresforum der EU Vielfaltchartas am 28. Oktober 2015 in Luxemburg
Etwa 150 Experten im Bereich der Vielfalt und Vertreter von Unternehmen, öffentlichen Institutionen, Medien und europäischer NGO haben sich am 28. Oktober 2015 in Luxemburg zusammengefunden, um am 6. jährlichen Forum der Chartas der Vielfalt der EU teilzunehmen. Das Event wurde gemeinsam vom luxemburgischen Ratsvorsitz, der Europäischen Kommission und der luxemburgischen Charta der Vielfalt organisiert und bestand aus mehreren Gesprächsrunden und Arbeitsgruppen. Im Mittelpunkt stand die Rolle des öffentlichen Sektors und der Medien in diesem Bereich.

Zur Erinnerung: Die Chartas der Vielfalt sind freiwillige Initiativen auf nationaler Ebene innerhalb der EU, durch die Unternehmen ermutigt werden sollen, eine Politik der Vielfalt und Chancengleichheit am Arbeitsplatz zu entwickeln, ohne Unterscheidung nach Rasse, ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht, Alter, Behinderungen und Religion. Seit 2004 haben 15 Mitgliedsstaaten eine nationale Charta aufgestellt (Luxemburg 2012) und fast 9 000 Unternehmen sind diesen beigetreten, darunter kommerzielle Unternehmen, öffentliche Institutionen und Nichtregierungsorganisationen.

In diesem Zusammenhang hat die Kommission im Jahr 2010 eine Plattform für einen Austausch auf europäischer Ebene eingerichtet. Durch die Organisation regelmäßiger Treffen und Events auf hohem Niveau soll es den Akteuren ermöglicht werden, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Instrumente zu entwickeln und die wichtigsten politischen Entscheidungsträger zu sensibilisieren.

Die Vielfalt ist ein Synonym für wirtschaftlichen Mehrwert

Während der Eröffnungssitzung erinnerte die Ministerin für Familie und Integration, Corinne Cahen, daran, dass die Vielfalt in Luxemburg „täglich gelebt“ werde, da Ausländer nahezu die Hälfte der Bevölkerung des Landes ausmachen und 170 000 Personen jeden Tag die Grenzen überqueren, um hier zu arbeiten.

In diesem Zusammenhang begrüßte die Ministerin das Engagement der Unterzeichner der Chartas der EU. „Wir müssen uns bemühen, vor allem im Bereich der Einstellung von Personal, Änderungen zu akzeptieren“ und man darf davor keine „Angst haben“, so die Ministerin. Alle Unternehmen, die diesen Schritt gewagt haben, berichten von einem gewonnenen Mehrwert, vor allem wirtschaftlicher Art, „was ein Schlüsselelement für die Unternehmen ist“, die folglich „ermuntert werden müssen, sich der Vielfalt öffnen“.

Als ehemalige Journalistin betonte Corinne Cahen erneut die „entscheidende“ Rolle der Medien im Bereich der Förderung der Vielfalt, um die Unterschiede „zu normalisieren“ und „vom Standard abzuweichen“.

 Salla Saastamoinen, Direktorin für Gleichstellung bei der Europäischen Kommission, verwies ihrerseits auf „die strategischen Verbündeten“ im Kampf gegen diese Trends und bei der Förderung von Toleranz und Vielfalt. Ihr zufolge können auch die öffentlichen Behörden ihre politische Unterstützung leisten und besitzen in diesem Zusammenhang durchaus eine „Vorbildfunktion“.

Der öffentliche Sektor und die Vielfalt

In Bezug auf die Rolle des öffentlichen Sektors bei der Förderung von Vielfalt und besonders im Kontext der Chartas der Vielfalt haben die Debatten Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten aufgezeigt.

Während einige Projekte in Ermangelung einer Beteiligung des öffentlichen Sektors aus dem privaten Sektor kommen, wie zum Beispiel in Österreich, haben in anderen Ländern wie Frankreich, Belgien oder den Niederlanden die öffentlichen Institutionen von Anfang an finanzielle Unterstützung und eine politische Orientierung angeboten. Ein weiterer Unterschied besteht im Engagement der Gewerkschaften, die in Frankreich nicht repräsentiert sind, wohingegen Belgien sich dadurch auszeichnet, dass das System Arbeiternehmer und Gewerkschaften unterstützt. Die Charta ist hier außerdem derzeit das Thema einer Verhandlung zwischen den Sozialpartnern und soll aktualisiert werden.

Trotz der Unterschiede ist die Beteiligung des öffentlichen Sektors von wesentlicher Bedeutung, da ein solches Engagement insbesondere zu einer territorialen Dynamik, einer Verbesserung der Qualität der Dienste oder zu einem öffentlichen Bewusstsein gegenüber der Vielfalt führen würde.

Der öffentliche Sektor als Dienstleister hat außerdem die Pflicht, sein Angebot an seine Kundschaft anzupassen, die eben sehr vielfältig ist und eventuell Handicaps vorweist, betonte Vivienne Kavanagh, Verantwortliche für den öffentlichen Busverkehr in Dublin in Irland. Die neue Fahrzeugflotte wurde deshalb so ausgestattet, dass sie diesen Herausforderungen der Barrierefreiheit oder der (akustischen und visuellen) Präsentation von Informationen Rechnung trägt.

Ebenso wichtig ist die Frage der Vielfalt unter den Mitarbeitern im öffentlichen Sektor, führte die Direktorin der Sozialversicherung in Estland, Juta Saarevet, weiterhin aus, da es darum geht, die „Sprache der Verbraucher zu sprechen“ und zu verstehen. Diese Vielfalt des Personals kann außerdem wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen, da die Einstellung von Personen mit unterschiedlicher Herkunft Türen öffnen kann, insbesondere zu Märkten, die bis zu diesem Zeitpunkt verschlossen waren, betonte Steen Møller, Vizebürgermeister der dänischen Stadt Odense.

Letztendlich geht es auch um die Frage der Sichtbarkeit der Vielfalt und der Sensibilisierung in diesem Bereich. Die öffentlichen Behörden, vor allem auf lokaler Ebene, können als Großarbeitgeber und wichtige Bezieher von Dienstleistungen einen wesentlichen Beitrag in diesem Bereich leisten, denn sie können den Vertragspartnern Bedingungen auferlegen, was die Vielfalt betrifft.

Die Medien und die Vielfalt

Ebenfalls Thema der Debatten auf der Konferenz war die Rolle der Medien als Multiplikatoren und Förderer der Vielfalt am Arbeitsplatz. In dieser Hinsicht haben die Diskussionen vor allem zu der Erkenntnis geführt, dass trotz einer relativ positiven Wahrnehmung der Öffentlichkeit in Bezug auf die Darstellung der Vielfalt in den Medien sich dies kaum in der Realität widerspiegelt.

Auch wenn laut der letzten Eurobarometer-Erhebung über die Diskriminierung in der EU im Jahre 2015, die am 22. Oktober veröffentlicht wurde, 50 % der Befragten in der EU angeben, dass die Vielfalt in Bezug auf Behinderungen in den Medien ausreichend vertreten ist, konnte Martine Simonis, Generalsekretärin der Vereinigung professioneller Journalisten in Belgien, diesen Eindruck eindeutig widerlegen. Auf der Grundlage anderer Umfragen und insbesondere aufgrund von Inhaltsanalysen der audiovisuellen und gedruckten Presse beträgt die Wahrscheinlichkeit, eine Person mit Behinderung zu sehen oder zu hören, gerade einmal 0,16 %, hob sie hervor und sprach von einer „unsichtbaren Minderheit“ und von einer „medialen Ausblendung“.

Die Eurobarometer-Erhebung hat außerdem gezeigt, dass bezüglich der Senioren eine gute mediale Repräsentation von 50 % der Befragten wahrgenommen wird und in Bezug auf die Gleichstellung von Mann und Frau sogar 70 % erreicht werden. „Leider zeigen alle internationalen Studien, dass die Frauen in den Medien unterrepräsentiert sind und das gewisse Kategorien von Frauen, wie zum Beispiel Seniorinnen, einfach ganz von der Bildfläche verschwinden“, führte Martine Simonis weiterhin aus. In der Tagespresse sind Frauen in weniger als 18 % der medialen Themen repräsentiert und werden oftmals auf andere Weise dargestellt, merkte sie außerdem an.

In Bezug auf die Beteiligung der Medien hinsichtlich der verschiedenen nationalen Chartas wies Aletta von Hardenberg, Verantwortliche für die deutsche Charta, insbesondere darauf hin, dass man manchmal für eine solche Beteiligung kämpfen müsse, aber dass sie eine wichtige Rolle spielten. In dieser Hinsicht trage die Charta dazu bei, die Medien bezüglich des Themas zu sensibilisieren, und zwar nicht nur in Bezug auf die Inhalte, sondern auch in Bezug auf ihre Personalpolitik, merkte sie an.

Eine Meinung, die der polnische Radiojournalist Paweł Oksanowicz allerdings nicht teilt. Seiner Ansicht nach sind die Medien in erster Linie kommerzielle Unternehmen, bei denen die Information ein Produkt ist. Seiner Meinung nach müssen diese Unternehmen überzeugt werden, dass die Vielfalt in Bezug auf die Information etwas Positives ist und einen kommerziellen Vorteil bedeutet.

Yazsr Mirza, unabhängiger Journalist und ehemaliger Verantwortlicher für die Vielfalt bei der britischen Zeitschrift The Guardian, erinnerte daran, dass die Vielfalt in den Medien „einen wesentlichen Einfluss auf den Inhalt“ habe. Ihm zufolge geht es um einen Weg, um den Pluralismus zu fördern, genau das sei eine der Aufgaben von Journalisten. „Wir sollten nicht über die Vielfalt in den Medien sprechen müssen, sondern ganz einfach gute Arbeit leisten“, sagte er.

Martine Simonis merkte an, dass in Belgien die Mehrheit der Journalisten weiße Männer im Alter von durchschnittlich 45 Jahren seien und dass die Tendenz dahingehe, dass sie auf Leute zugehen, die ihnen ähneln, d. h. „sie sprechen in erster Linie weiße Experten an“. „Es ist schwierig, sich unbekannten Milieus zu nähern. Mehr Vielfalt könnte ihnen daher den Zutritt erleichtern und es möglich machen, dass sie vielfältigere mediale Ansätze entwickeln und breitgefächertere Adressbücher haben“, sagte sie, sowie eine größere Auswahl an Themenbereichen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage der Ausbildung von Journalisten. Es müssen ihnen die Werkzeuge mitgegeben werden, um sich auch in Gedankenkonstrukte zu wagen, die nicht unbedingt die ihren sind.

Abschließend wurde die Verwaltung der Kommentare auf den Informationswebsites thematisiert, da hasserfüllte Diskurse „von überall auftauchen“ und die Teilnehmer die Kommentarfunktionen nicht selten dafür nutzten, „ihrem Hass oder Rassismus freien Lauf zu lassen“, so Martine Simonis. Mehrere Medien haben daher bereits entschieden, diese Kommentarecken zu schließen. Die Antworten zur Handhabung dieses Problems sind für die Medien sicher nicht einfach, aber eine der besten Lösungen wäre, wenn die Journalisten diese Nachrichten beantworten würden.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 30-10-2015