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TATFAR 2015 – Die transatlantische Arbeitsgruppe zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen trifft sich in Luxemburg, um ihren Aktionsplan für die nächsten fünf Jahre festzulegen

22-10-2015

Im Rahmen der luxemburgischen Präsidentschaft des Rates der Europäischen Union hat sich die transatlantische Arbeitsgruppe zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenz („Transatlantic Taskforce on Antimicrobial Resistance” oder TATFAR auf Englisch) am 22. und 23. Oktober 2015 in Luxemburg getroffen. Im Rahmen dieses Forums wurden die diesbezüglichen Fortschritte diskutiert und die vorrangigen Maßnahmen der nächsten fünf Jahren festgelegt.

Lydia Mutsch, Vytenis Andriukaitis, John F. Ryan und Jimmy Kolker bei der Eröffnung des Treffens der Transatlantischen Arbeitsgruppe zur Antimikrobiellen Resistenz in Luxemburg am 22. Oktober 2015
MSAN
Die Gesundheitsministerin, Lydia Mutsch, und der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, haben am ersten Tag des Forums die Gespräche eröffnet, gemeinsam mit den beiden Co-Vorsitzenden der TATFAR, John F. Ryan von der Generaldirektion Gesundheit der Europäischen Kommission und Jimmy Kolker vom US-Gesundheitsministerium.

Die Arbeitsgruppe TATFAR wurde 2009 anlässlich eines EU-USA-Gipfels gegründet, um die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union (EU) in Bezug auf drei Bereiche zu optimieren: die angemessene Verwendung von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin, die Prävention medikamentenresistenter Infektionen in und außerhalb von Krankenhäusern und die Strategien zur Optimierung der Verbreitung neuer Antibiotika, rief Jimmy Kolker in Erinnerung.

In diesem Zusammenhang seien die Herausforderungen groß, betonte John F. Ryan. Der weltweite Antibiotikaverbrauch  im Bereich der Humanmedizin „ist zwischen 2000 und 2010 um beinahe 40 % gestiegen”, sagte er. Beinahe 700 000 Menschen sterben weltweit jedes Jahr aufgrund von Resistenzen, 50 000 davon aus Europa und aus den USA. Zudem, so Kolker, fallen in diesem Zusammenhang sehr hohe Kosten an. Alleine in der EU werden jährlich 1,5 Milliarden Euro für Produktivitätseinbußen und erhöhte Kosten im Gesundheitsbereich aufgewendet.

Antibiotika müssen anders eingesetzt werden

Lydia Mutsch betonte, dass Antibiotika als eine der wichtigsten therapeutischen Innovationen des 20. Jahrhunderts gälten und dass ein übermäßiger und missbräuchlicher Einsatz dieser Medikamente in der Human- und Tiermedizin deren Wirksamkeit beeinträchtige.

Die Ministerin ist der Meinung, dass die Antibiotika-Resistenz eine „ernsthafte Bedrohung  für die öffentliche Gesundheit darstellt”. In der EU sterben jedes Jahr 25 000 Menschen aufgrund einer Unfähigkeit, bestimmte Infektionen zu heilen. „Heutzutage sind die Verwendung von Antibiotika und die Antibiotika-Resistenzen in der gesamten Welt alarmierend”, so die Ministerin. In der Tat werden Antibiotika neben anderen Medikamenten weltweit am häufigsten eingesetzt. Je häufiger sie jedoch eingesetzt würden, desto wahrscheinlicher sei eine Antibiotika-Resistenz, erläuterte die Ministerin. Auch im Bereich der Tiermedizin werden Antibiotika nach wie vor zu häufig eingesetzt, insbesondere zu nicht-therapeutischen Zwecken in den Ländern, die nicht der EU angehören.

In diesem Zusammenhang betonte die Ministerin, wie wichtig es ist, Antibiotika anders einzusetzen  und für ein höheres Maß an Sensibilisierung und Verständnis im Hinblick auf das Thema Antibiotika-Resistenz zu sorgen. „Es ist notwendig, einen einzigartigen, integrierten Ansatz für die Human- und Tiermedizin auszuarbeiten („One Health approach”), der alle Dimensionen berücksichtigt.”

Zudem sind laut Lydia Mutsch weltweit gültige Lösungen und eine langfristige weltweite Zusammenarbeit notwendig. Sie appellierte an die Regierungen, sich diese stärker für dieses Thema zu engagieren, die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel besser zu koordinieren, um Fachkräfte, Patienten und andere Anspruchsgruppen zu informieren und zu sensibilisieren, nationale Überwachungsprogramme einzuführen und den Forschungsgemeinschaften die Möglichkeit zu geben, neue Medikamente zu entwickeln.

Antibiotika-Resistenz als „Zeitbombe” für die Menschheit

In seinem Beitrag wies Vytenis Andriukaitis auf seine Hoffnung hin, dass das Treffen der Arbeitsgruppe „eine neue Etappe” bezüglich der internationalen Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenz einleite.

Vor dem Hintergrund, dass seit 1997 kein neues Antibiotikum entwickelt wurde und  dass die Antibiotika-Resistenz steigt, betonte der EU-Kommissar, dass bei einer fortlaufenden Tendenz dieser Art „jährlich bis 2050 mit 10 Millionen weiteren Todesfällen zu rechnen ist, einer Zahl, welche die Anzahl der jährlichen Krebstoten übersteigt”. Im Veterinärwesen wurden weltweit 63 000 Tonnen Antibiotika für die Tierzucht verwendet, um Krankheiten vorzubeugen und das Wachstum anzuregen. Beides ist problematisch.

„Resistente Organismen sind überall zu finden. Sie sind Teil unserer Umwelt und kennen keine Grenzen”, kommentierte er. „Deshalb ist ein globaler Ansatz für den Bereich der Human- und Tiermedizin notwendig und es gilt in allen Bereichen aktiv zu werden”, ergänzte der Kommissar. Ihm zufolge sind eine stärkere Prävention und Marktkontrolle sowie mehr Forschungsinitiativen und mehr Anreize zur Entwicklung neuer Antibiotika erforderlich.

Vytenis Andriukaitis ergänzte, dass der „Schlüssel” für den Erfolg eine „solide” internationale Zusammenarbeit aller in diesem Bereich tätigen Einrichtungen auch über die EU und die USA hinaus sei. Dieses Bestreben ist zudem ein Schwerpunkt des Aktionsplans der EU in diesem Bereich (2011), des Aktionsplans der Weltgesundheitsorganisation von 2015 und der Ergebnisse des Treffens der Gesundheitsminister der G7 im September 2015.

Letztlich gehe es dann darum, die Öffentlichkeit in Bezug auf diese missverstandene Problematik zu sensibilisieren, erklärte Vytenis Andriukaitis. Die falsche Einschätzung und Verwendung von Antibiotika ist „gefährlich”, einfache Infektionen könnten fatale Auswirkungen haben, wiederholte er und betonte, dass es sich um eine „Zeitbombe” handele und um „eine der größten Herausforderungen, denen sich die Menschheit stellen muss”.

Die Kommission zieht Bilanz hinsichtlich der in den Mitgliedsstaaten ergriffenen Maßnahmen zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenz

John F. Ryan, Interimsdirektor der Generaldirektion Gesundheit der Europäischen Kommission, ging auf die Situation der Antibiotika-Resistenz innerhalb der EU ein, zumal der Aktionsplan der EU gegen die Bedrohungen durch die Antibiotika-Resistenz, der aktuell extern geprüft wird, 2016 abgeschlossen werden wird.

Zudem gab er an, dass die Kommission 2015 unter den Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) eine Untersuchung bezüglich der Umsetzung einer Empfehlung des Rats im Zusammenhang mit der umsichtigen Verwendung von Antibiotika in der Humanmedizin aus dem Jahr 2001 durchgeführt hat. Hierin wurden die Länder aufgefordert, diesbezüglich eine Strategie zu entwickeln und bis Ende 2002 eine bereichsübergreifende Zusammenarbeit zu erwirken.

John F. Ryan merkte an, dass sich bislang 26 der 31 Staaten des EWR an dieser Untersuchung beteiligt hätten. Von diesen 26 Ländern haben 19 eine nationale Strategie eingeführt, 5 haben angegeben, dass diese in Vorbereitung sei, und 2 haben angegeben, dass bislang noch keine Strategie vorliege.

Alle Länder, die geantwortet haben, sind Teil des Europäischen Überwachungsnetzwerks für Antibiotika-Resistenz (EARS-Net) und beinahe alle verfügen zudem über ein nationales System, das jedoch optimiert werden müsse, ergänzte Ryan.

Die meisten Länder haben zudem Richtlinien bezüglich der verantwortungsvollen Verwendung von Antibiotika im Bereich der Humanmedizin erarbeitet. Nur 17 Länder haben in ihren Krankenhäusern ein Programm zum Management der Aktivitäten in Bezug auf Antibiotika eingeführt, in 10 dieser Länder ist dies Pflicht. Zudem haben 17 Länder Empfehlungen für die Kontrolle von Infektionen formuliert.

22 Länder haben angegeben, dass sie Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit durchgeführt haben.

John F. Ryan sagte abschließend, dass die Strategie und der Aktionsplan der EU auf der Grundlage des „One Health”-Ansatzes verstärkt werden müssen, dass mehr Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit die Regelungen und Richtlinien positive Ergebnisse haben, dass dafür gesorgt werden muss, dass die Gesetze über den rezeptfreien Verbrauch eingehalten werden, dass bessere Kontrollen durchgeführt werden müssen und die gesetzliche Grundlage auf EU-Ebene erneut geprüft werden muss, um Antibiotika-Resistenz vorzubeugen und sie zu berücksichtigen. „Die Arbeitsgruppe  TATFAR spielt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle und kann uns dabei helfen, die geeigneten Instrumente zu entwickeln”, sagte er abschließend.

Dank TATFAR konnten eine Forschungsagenda erstellt und gemeinsame Begrifflichkeiten festgelegt werden

Jimmy Kolker, stellvertretender Sekretär für internationale Angelegenheiten im amerikanischen Gesundheitsministerium, hat seinerseits das „herausragende Engagement” des amerikanischen Präsidenten Barack Obama hervorgehoben, der diese Problematik als „als globale Herausforderung” versteht. Zudem wurde in diesem Zusammenhang unterstrichen, dass „das politische Engagement in diesem Bereich genauso wichtig ist wie die wissenschaftliche Forschung”.

Seit vier Jahren verzeichnet die TAFTAR eigenen Angaben zufolge zahlreiche Fortschritte dank ihrer Arbeit, insbesondere ein besseres gegenseitiges Verständnis der teilweise unterschiedlichen Maßnahmen und Ansätze der EU und der USA sowie einen Einblick in die jeweils bewährten Praktiken. Zudem konnte sie eine Forschungsagenda erstellen und gemeinsame Begrifflichkeiten festlegen sowie die vorhandenen Lücken der wissenschaftlichen Erkenntnisse ermitteln.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 23-10-2015