Bildung, Jugend, Kultur und Sport
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„Inclusive education: Take action!“ - 250 Junge Europäer sprachen bei einem Treffen in Luxemburg Empfehlungen für eine inklusivere Bildung aus

16-10-2015

Anhörung für junge Europäer in Luxemburg, am 16. Oktober 2015
(c) Ministère de l’Éducation nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse
Am 16. Oktober 2015 kamen 250 junge Europäer in Luxemburg zusammen, wo sie die Gelegenheit hatten, ihre Sichtweisen zum Ausdruck zu bringen und Empfehlungen über die inklusive Bildung vorzutragen. Die Teilnehmer im Alter zwischen 14 und 25 Jahren, mit und ohne sonderpädagogische Bedürfnisse, waren aufgerufen, über die Art und Weise zu berichten, wie sie in ihrer Schule betreut werden und konkrete Beispiele dafür zu nennen, wie ihre Lehrkräfte und Kameraden ihren Bedürfnissen begegnen. Dieses ist die vierte Anhörung dieser Art seit 2003, nach zwei Treffen in Brüssel (2003 und 2011) und einem in Lissabon (2007).

Der luxemburgische Minister für Bildung, Kinder und Jugend, Claude Meisch, hielt die Begrüßungsansprache zu diesem Ereignis, das vom luxemburgischen Ratsvorsitz in Zusammenarbeit mit der Europäischen Agentur für sonderpädagogische Förderung und inklusive Bildung organisiert wurde. Die von den Jugendlichen ausgesprochenen Empfehlungen werden den Ministern des Rats „Bildung, Jugend, Kultur und Sport“ am 23. November 2015 vorgelegt.

Zur Einführung erinnerte Gil Steinbach, der luxemburgische Vertreter der Europäischen Agentur für sonderpädagogische Förderung und inklusive Bildung, der den Vorsitz der Sitzung führte, an die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die am 13. Dezember 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und seitdem von zahlreichen Ländern der Welt ratifiziert wurde.

Dann animierte Minister Claude Meisch die anwesenden Jugendlichen, sich über die inklusiven Maßnahmen zu äußern, von denen sie in ihrem Lande profitierten, sowie über diejenigen, die es weiter zu verbessern gilt. „Ich möchte Sie aufrichtig dazu ermutigen, diese außerordentliche Gelegenheit wahrzunehmen, um Ihre Meinungen frei zu äußern. Denn nur allzu oft tun dies Personen, die nicht direkt betroffen sind, an Ihrer Stelle. Also scheuen Sie sich nicht, Ihre Kommentare und Sichtweisen vorzutragen, Gedanken und Konzepte zu formulieren, die es politischen Entscheidungsträgern wie mir nicht leicht machen, das ist Ihr gutes Recht; also nutzen Sie diese Gelegenheit“, so der Minister.

Die Generaldirektorin der Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission, Martine Reicherts, erinnerte daran, dass die Kommission seit 2009 und dem ersten Zyklus des strategischen Rahmens Bildung und Ausbildung 2020 einen Schwerpunkt auf die Eingliederung von Schülern mit sonderpädagogischen Bedürfnissen in das traditionelle Bildungssystem gelegt habe.

„Wir repräsentieren eine bunte Vielfalt an Nationalitäten und Persönlichkeiten und gemeinsam bilden wir einen wunderbaren Regenbogen“

Unter den von den Jugendlichen ausgesprochenen Empfehlungen kam insbesondere die Notwendigkeit zum Ausdruck, dass die biografischen Informationen von jungen Schülern mit sonderpädagogischen Bedürfnissen, aber auch von Jugendlichen mit unterschiedlichem ethnischem, religiösem und sozialem Hintergrund besser berücksichtigt werden sollten.  Die Lösungen müssten aus ihrer Sicht nach den spezifischen Bedürfnissen des Einzelnen ausgerichtet sein. Dazu müssten die Lehrkräfte nicht nur über Fachwissen, sondern auch über alle nützlichen Informationen über die betroffenen Jugendlichen verfügen.

Ein Leitmotiv der von den Jugendlichen ausgesprochenen Empfehlungen war die Wichtigkeit der Fortbildung der  Lehrkräfte, die mit Jugendlichen mit sonderpädagogischen Bedürfnissen in Kontakt sind. Die Jugendlichen waren auch der Meinung, dass eine bessere Kommunikation unter den Lehrkräften notwendig sei und dass sie besser zusammenarbeiten müssten, um geeignete Strategien entsprechend den Bedürfnissen der Schüler festzulegen.

Einige betonten auch die Notwendigkeit, gemeinsame Aktivitäten, darunter auch sportliche Aktivitäten, für alle Schüler zu organisieren, um das gegenseitige Verständnis unter den Jugendlichen zu fördern. Außerdem hoben sie hervor, wie wichtig es ihrer Meinung nach sei, die Jugendlichen mit sonderpädagogischen Bedürfnissen nicht in getrennten Gebäuden unterzubringen, denn diese müssten sich unter den anderen Jugendlichen frei entfalten können.

Andere wiederum machten auf die finanziellen Mittel aufmerksam, die für eine Anpassung der Infrastrukturen an die besonderen Bedürfnisse der Jugendlichen, wie zum Beispiel den Einbau von Zugangsrampen oder Aufzügen, notwendig seien.

„Menschen mit Behinderungen werden in ihrer Klasse oft nur schwer akzeptiert, weil ihr Aussehen, ihre Kleidung und ihr Verhalten oftmals anders sind“, brachte eine junge Rednerin mit Bedauern zum Ausdruck. Sie betonte, wie wichtig es sei, die Klassenkameraden zu sensibilisieren, damit sie die Behinderungen mancher Mitschüler besser verstehen und mehr mit ihnen kommunizieren.

Eine andere Rednerin machte darauf aufmerksam, dass während des Vormittags in den Arbeitsgruppen oftmals der Begriff „normal“ verwendet worden sei, um die Jugendlichen ohne Behinderungen zu bezeichnen, während die anderen als „anormal“ bezeichnet wurden. „Wir müssen bei uns selbst anfangen, wir müssen positive Worte verwenden, um uns zu beschreiben“, betonte sie. „Wir repräsentieren eine bunte Vielfalt an Nationalitäten und Persönlichkeiten und gemeinsam bilden wir einen wunderbaren Regenbogen“, hob sie mit Nachdruck hervor.

Die Redner zeigten sich angesichts der von den jungen Europäern ausgesprochenen Empfehlungen beeindruckt

Während der Abschlusssitzung zeigten sich alle Redner angesichts der von den jungen Europäern ausgesprochenen Empfehlungen beeindruckt.

László Gábor Lovászy, Mitglied des Ausschusses zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen, betonte die Wichtigkeit moderner Technologie und innovativer Lösungen zur besseren Unterstützung und Betreuung von Menschen mit sonderpädagogischen Bedürfnissen. Dennoch wies er gleichzeitig darauf hin, dass die Technologie niemals das Bedürfnis nach sozialen Erfahrungen und gemeinschaftlichem Leben der Jugendlichen ersetzen könne.

Catherine Naughton, Direktorin des Europäischen Behindertenforums, vertrat ihrerseits die Meinung, dass es angesichts der unterschiedlichen Ansätze der einzelnen Länder zum Bildungswesen unmöglich sei, eine Einheitslösung vorzuschlagen, die für alle Mitgliedstaaten der EU gültig sein solle. Sie betonte, dass die Bildung ihrer Meinung nach nicht nur für Jugendliche mit sonderpädagogischen Bedürfnissen, sondern auch für diejenigen mit einem unterschiedlichen sozio-kulturellen Hintergrund inklusiv sein müsse.

Marianne Vouel, Direktorin des Referats für differenzierte Pädagogik des luxemburgischen Ministeriums für Bildung, Kinder und Jugend, betonte ebenfalls die Wichtigkeit der Fortbildung der Lehrkräfte. Dann rief sie die Verbände und Organisationen für behinderte Menschen dazu auf, mit einer Stimme zu sprechen, um sich besser Gehör zu verschaffen.

„Wir sind alle anders, wir haben alle unterschiedliche Bedürfnisse und die Herausforderung für unsere Bildungssysteme besteht darin, auf jeden Einzelnen einzugehen und ihm die geeignete Form von Unterstützung anzubieten”, so die Meinung von Per Gunvall, Präsident der Europäischen Agentur für Entwicklungen in der sonderpädagogischen Förderung. Er betonte die Wichtigkeit der Chancengleichheit in den Schulen.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 17-10-2015