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Die 28 nationalen „Drogenbeauftragten“ der EU-Mitgliedstaaten besuchten das Centre Abrigado, ein Drogenhilfezentrum in Luxemburg

29-09-2015

Der Leiter des Drogenhilfezentrums ABRIGADO stellt den Drogenkonsumraum vor
Im Rahmen ihres Besuchs in Luxemburg besuchten die 28 nationalen „Drogenbeauftragten“ der EU-Mitgliedstaaten am 29. September 2015 das Centre Abrigado in Luxemburg, das sich in der Nähe des Hauptbahnhofs befindet.

Dieses Zentrum, das im Jahr 2005 eröffnet worden war, bietet einen Raum für den überwachten Konsum illegaler Drogen (insbesondere Heroin und Kokain) sowie eine Notschlafstelle, medizinische Fürsorge, Waschmaschinen und Spinde. Damit ist es eine Einrichtung, die auf der ganzen Welt recht „einzg“ sei, betonte Alain Origer, der nationale Drogenbeauftragte für Luxemburg. Tatsächlich ist dieses Konzept weltweit noch nicht sehr verbreitet: Drogenkonsumräume werden in fünf anderen Mitgliedstaaten der EU (Deutschland, Dänemark, Spanien, Norwegen und Niederlande) sowie in Kanada, in Australien und in der Schweiz angeboten. In Frankreich hat der Senat vor kurzem seine Zustimmung zur Einrichtung von Drogenkonsumräumen erteilt, allerdings unter der Bedingung, dass diese in Einrichtungen des Gesundheitswesens integriert werden. Frankreich, das sich „an das luxemburgische Konzept stark anlehnt“, um seine Konsumräume anzupassen, und Luxemburg seien dabei, eine Partnerschaft in die Wege zu leiten, erklärte Alain Origer weiter.

Wegen des starken Andrangs müssen die Konsumenten eine Wartemarke ziehen, um den Raum benutzen zu können, erklärte Patrick Klein, Direktor des Abrigado. Nahezu 220 Mal täglich wird in diesem Raum mit 14 Plätzen eine Droge konsumiert. Der Konsum findet unter der Aufsicht von zwei Personen statt. Das Personal, 36 Mitarbeiter an der Zahl, besteht aus Krankenschwestern, Psychologen und Erziehern, die alle regelmäßig in der Wiederbelebung - für den Fall einer Überdosis - ausgebildet werden; davon gebe es „2,5 pro Monat“, wenngleich es bisher noch keine tödliche gegeben habe, so Patrick Klein weiter. Der Zweck dieses Drogenkonsumraums besteht darin, den Konsum zu überwachen, die Risiken einer Überdosis zu reduzieren und die Sicherheit für die Konsumenten zu gewährleisten; er bietet zudem auch einen Vorteil für die Umgebung, denn die Spritzen werden nicht mehr einfach in der Umwelt entsorgt. Von den 160 000 Spritzen, die jährlich im Zentrum verbraucht werden, werden 92 % auch dort entsorgt, erläuterte Patrick Klein. Außerhalb des Raums ist der Konsum verboten.

„Unsere Rolle besteht darin, mit den Konsumenten zu sprechen, sie zu beraten. Wir akzeptieren es, dass sie Drogen konsumieren, so als hätten sie eine Behinderung, und wir bieten Lösungen an“, versichert er. „Sie sind nicht gezwungen, eine Therapie zu machen, denn das bleibt ihnen selbst überlassen“, betont Patrick Klein. Dennoch kann das Zentrum helfen, Kontakt zu den Krankenhäusern herzustellen oder Therapie- oder Ersatzdrogen-Angebote zu vermitteln. Es handelt sich dabei auch um eine wichtige Sozialarbeit, bezüglich ihrer finanziellen Probleme, der Wohnungssituation oder der Versicherung, mit der Zielsetzung, „den Stress von der Straße zu reduzieren“. „Unser Ziel besteht zum einen darin, sie wieder in das soziale System einzugliedern. Zum anderen wollen wir auch mit der Szene in Kontakt bleiben und die Trends verfolgen“, erklärte Patrick Klein.

Ein Platz im Drogenkonsumraum des Drogenhilfezentrums ABRIGADO
In dem Raum stehen Tische und Stühle vor einem Spiegel, mit verpackten Spritzen sowie Hygieneartikeln. Neben jedem Platz steht ein Abfalleimer, in dem die verbrauchten Spritzen und die Tücher entsorgt werden. "Unter den Konsumenten gibt es Drogenabhängige, die nur einmal pro Woche konsumieren und diejenigen, die sich zwanzigmal am Tag spritzen“, fügt der Direktor hinzu. „Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, Spritzen bereitzustellen, sondern auch zu erklären, wie man sie sauber und ordentlich benutzt“, erläutert er. Jeder Kunde muss einen Vertrag ausfüllen, um den Nachweis zu erbringen, dass er volljährig ist. Bei einem Einzelgespräch muss er zudem nachweisen können, dass er ein erfahrener Konsument harter Drogen ist und dass er nicht an einem Ersatzdrogen-Programm teilnimmt.

Im Falle von Wunden stehen den Drogenbenutzern Krankenschwestern zur Verfügung, die auf die Wundbehandlung spezialisiert sind. Dennoch zieht nahezu die Hälfte es vor, Drogen in einem Raum nebenan zu inhalieren, der auch „Blow Room“ genannt wird. Nach jeder Benutzung müssen die Kunden den Tisch reinigen. „Abends wird der ganze Raum komplett desinfiziert, wie ein Operationssaal“, erklärt Patrick Klein.

Laut dem Direktor suchen nahezu 40 % der Benutzer das Zentrum Abrigado auf, ohne Drogen zu konsumieren. Sie können auch ihre Wäsche waschen, sich von einem Arzt beraten lassen, der dreimal pro Woche kommt, und Sachen in einem Schrank einschließen.

Laut Patrick Klein ist die Drogenszene in Luxemburg eine „klassische“ Szene, wobei Heroin und Kokain die vorherrschenden Drogen seien. Die Verbraucher seien „Mehrfach-Drogenabhängige“, die mehrere Drogen oder psychedelische Substanzen konsumierten. „Wir haben keine reinen Heroin-Abhängigen“, betont Patrick Klein. Dennoch habe der Konsum von Kokain zugenommen und mache jetzt einen Anteil von 10 % aus (verglichen mit 3 % im Jahr 2004).

Ihm zufolge stammen die Konsumenten, von denen nur 10 % einem Beruf nachgingen, größtenteils aus den unteren sozialen Schichten der luxemburgischen Gesellschaft. Das Durchschnittsalter liege bei etwa 33 Jahren, wobei jedoch auch ein beträchtlicher Anteil (20 %) über 45 Jahre alt sei. Zwischen 15 und 20 % seien Frauen. Die Mehrheit seien Luxemburger, wobei es jedoch auch einen recht hohen Anteil an Portugiesen gebe.

Wenngleich nahezu ein Viertel Obdachlose seien, so versucht das Zentrum Abrigado, eine Lösung zu finden, sei es eine Unterkunft, sei es einen Platz in der Notschlafstelle, die 42 Plätze bietet, wovon zwei Räume (mit jeweils sechs Betten) Frauen vorbehalten sind. Die Plätze werden vorrangig an Frauen und an Drogenabhängige vergeben, doch die Notschlafstelle nehme auch Obdachlose, und in dringenden Fällen und für eine begrenzte Zeit auch illegale Flüchtlinge auf, so Patrick Klein.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 30-09-2015