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„Kultur und Entwicklung“ – Die in Echternach versammelten europäischen und internationalen Experten plädierten für eine transversalere und systematischere Integration der Kultur in die Außenbeziehungen der EU

03-09-2015 / 04-09-2015

Am 3. und 4. September 2015 veranstaltete der luxemburgische EU-Ratsvorsitz in Echternach eine Konferenz zum Thema „Kultur und Entwicklung: Hin zu einem strategischeren Ansatz der Kulturpolitik in den Außenbeziehungen der EU“. Das Ziel dieser Konferenz, an der etwa vierzig europäische und internationale Redner teilnahmen, bestand darin, einen Überblick über die Art und Weise zu geben, wie Kultur und Entwicklung in einer wechselseitiger Beziehung stehen, aber auch die Frage des Zusammenspiels von Kulturpolitik und Entwicklungszusammenarbeit aufzuwerfen.

Stärkung der Rolle der Kultur im außenpolitischen Handeln der EU

Die Teilnehmer an der Konferenz "Kultur und Entwicklung" in Echternach am 3. September 2015
MCULT
„Man muß feststellen, dass hinsichtlich der Schlüsselfunktion der Kultur für die menschliche, soziale und wirtschaftliche Entwicklung immer noch Zweifel oder eine gewisse Unsicherheit weiter zu bestehen scheinen“, bedauerte die luxemburgische Kulturministerin Maggy Nagel einleitend. Sie erinnerte daran, dass eine der Prioritäten des luxemburgischen Ratsvorsitzes darin bestehe, die Rolle der Kultur im außenpolitischen Handeln der Europäischen Union zu stärken und sich generell für eine transversalere Berücksichtigung der Kultur einzusetzen. „Es geht darum, eine transversalere und systematischere Integration der Kultur in die übrigen sektoriellen Politiken sowie, im vorliegenden Fall, eine strategischere Akzeptanz und einen strategischeren Ansatz der Kultur im außenpolitischen Handeln der EU zu fördern“, erklärte sie. Die Entwicklungszusammenarbeit dürfe sich ihrer Meinung nach nicht auf das Handeln eines einzigen Ministeriums beschränken.

Dennoch betonte Maggy Nagel, wie wichtig es sei, die aus dem Sektor der Entwicklungszusammenarbeit kommende „Stimme zu vernehmen“, da bekanntermaßen „zum Tango immer zwei gehören“.

Romain Schneider, der luxemburgische Minister für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Angelegenheiten, erinnerte seinerseits daran, dass der luxemburgische Ratsvorsitz insofern „eine besondere Rolle und Verantwortung zu übernehmen“ habe, insofern er auch zeitlich mit dem Europäischen Jahr der Entwicklung zusammenfalle. Nach seinem Plädoyer für eine stärkere Kohärenz der Politiken für die Entwicklung wies er auf die zwischen der Kultur und Entwicklung bestehende „enge Beziehung“ als einen „integralen Bestandteil“ der Entwicklungszusammenarbeit „in allen ihren Formen“ hin.

Ihm zufolge stellt die Kultur jedoch auch „einen Interventionsbereich als solchen“ dar. Seiner Meinung nach können die Kulturindustrien und die Kreativwirtschaft bedeutende Quellen für den Ertrag und das Wirtschaftswachstum der Länder, die Entwicklungshilfe erhalten, darstellen. 

Es handelt sich jedoch um einen Wirtschaftssektor mit häufig noch unausgeschöpftem Potenzial“, bedauerte der Minister, bevor er mehrere luxemburgische Kooperationsprojekte vorstellte und das große Interesse an der Verknüpfung von Kultur und Entwicklung betonte.

So wurden die Kultur und die Kreativwirtschaft auf Kap Verde beispielsweise als Säulen für die nachhaltige Entwicklung des Landes ausgewiesen. Der luxemburgische Kulturminister engagiert sich stark für den Export der kapverdischen Kultur und die Schaffung von interkontinentalen Plattformen für die Kultur, insbesondere im Bereich der Musik.

Eine Zusammenarbeit, die der Kulturminister der Republik Kap Verde, Mário Lúcio Matias de Sousa Mendes, begrüßt. Während seines Redebeitrags plädierte dieser außerdem für eine Beziehung zwischen gleichwertigen Partnern und stellte die folgende Gleichung auf: Zusammenarbeit = geben + erhalten + teilen.

Der für Kultur, Bildung und Bürgerschaft zuständige EU-Kommissar Tibor Navracsics betonte seinerseits, dass die Kultur ein „integraler Bestandteil“ der EU-Tätigkeit im Bereich der nachhaltigen Entwicklung sei. Sie ermögliche ihm zufolge „Politiken auf lokaler Ebene festzulegen, die lokalen Besonderheiten zu berücksichtigen und eine Versorgung mit lokalen Ressourcen zu gewährleisten“, zudem müsse sie „eine bedeutende Rolle spielen, um die Verantwortlichkeit der Bürger, eine gute Governance und die Demokratie zu fördern“.

Er wies darauf hin, dass die Kommission versuchen werde, diesen Aspekt in ihrer Außenpolitik weiterzuentwickeln, da er der Ansicht ist, dass die Kultur den Dialog erleichtern und die Verständigung zwischen den Völkern in einem Umfeld, in dem die terroristische Bedrohung diese zu entzweien drohe, verbessern könnte. Der EU-Kommissar beabsichtigt, gemeinsam mit Federica Mogherini, der Hohen Vertreterin der Union für Außen- und Sicherheitspolitik, zu überlegen, „wie man eine europäische Strategie für die Völkerverständigung entwickeln kann, mit der unsere Außenbeziehungen vertieft und verbessert werden“.

Die Zerstörung kultureller und archäologischer Stätten in Syrien durch den IS erwähnend, betonte Tibor Navracsics schließlich, wie wichtig es sei, für das Überleben des Weltkulturerbes drastische Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Patricio Jeretic, Experte im Bereich der Kulturpolitik, erklärte seinerseits, dass „das, was aktuell entlang der europäischen Grenzen geschieht“, die „Dringlichkeit“ hervorhebe, die Kultur in die Entwicklung zu integrieren.

Die Kultur in der Entwicklungsagenda nach 2015

Die Diskussionen um die Kultur in der Entwicklungsagenda nach 2015 wurden während der Konferenz ebenfalls thematisiert.

Romain Schneider freute sich darüber, dass die Kultur in der Entwicklungsagenda nach 2015 „ihren Platz gefunden“ hat, und zwar „sowohl in einigen SDG (Ziele für eine nachhaltige Entwicklung) als auch auf transversalere Weise, wodurch ihr Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung anerkannt wird“.

Konkret nehmen im Dokument für den Post-2015-Gipfel im September in New York mit dem Titel „Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable Development“ „präzise Ziele in drei SDG spezifischen Bezug auf die Kultur und ihren wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung“, erklärte der Minister.

Die Kultur wird ebenfalls im zweiten Schlüsseldokument für die Zeit nach 2015 aufgegriffen. „Der Aktionsplan von Addis Abeba, der im Juli von allen Staaten der Vereinten Nationen angenommen wurde, erkennt das kulturelle Erbe, die Innovationen, die traditionellen Kenntnisse und Praktiken sowie die kulturellen Ausdrucksformen der indigenen Völker und lokalen Gebietskörperschaften als Beitrag zum sozialen Wohlergehen und als Mittel zur nachhaltigen Sicherung an“, betonte der Minister.

Romain Schneider bedauerte jedoch, dass während der Verhandlungen über die Entwicklungsagenda für die Zeit nach 2015 die Kultur gelegentlich als „Argument zur Blockierung der Umsetzung anderer wesentlicher Ziele“ sowie als „Einwand gegen die universelle Gültigkeit der Menschenrechte“ „benutzt“ und „herangezogen“ worden sei. Er ist der Auffassung, dass die kulturelle Vielfalt und die kulturellen Rechte „fundamental in der Achtung der Menschenrechte verankert sind“.

Martine Schommer, Direktorin für Entwicklungszusammenarbeit im luxemburgischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, teilte dieses Bedauern und betonte, dass im Verlauf der Verhandlungen über die Texte über Geschlechtergleichberechtigung, Familie, gesellschaftliche Rechte und benachteiligte Gruppen einige Länder die „kulturelle Vielfalt“ als Argument heranziehen, um „die Menschenrechte zu relativieren“.

Angesichts des geäußerten Bedauerns durch mehrere Redner, die erklärten, dass die Kultur nicht Gegenstand eines SDG als solches gewesen sei, verwies Martine Schommer auf den wichtigen Stellenwert, welcher der Kultur in der politischen Erklärung, die den SDG vorausgeht, eingeräumt wurde. Dieser Stellenwert ist ihr zufolge „globaler und operationeller, auch wenn er nicht mit präzisen Indikatoren verknüpft ist“.

„Ich habe ausreichend viele Jahre in der Politik hinter mir und lasse mich daher nicht von politischen Erklärungen oder Grundlagentexten beeindrucken“, betonte seinerseits der luxemburgische Europaabgeordnete Charles Goerens (ALDE), der die Auffassung vertritt, dass die Kultur „einen extrem dürftigen Stellenwert“ in der Entwicklungsagenda nach 2015 einnimmt.

Die Schlussfolgerungen von Maggy Nagel

Maggy Nagel schloss die Debatte, indem sie darauf hinwies, dass es erforderlich sei „durch die Einleitung eines europäischen Prozesses zu dieser Thematik oder zur Verknüpfung von Kultur und Außenbeziehungen wieder eine politische Vision in den Mittelpunkt der Kultur- und Entwicklungsstrategie zu stellen“. Sie verwies außerdem auf „die Notwendigkeit, die Ko-Konstruktion der Strategien und Programme mit den Partnern und Begünstigten [der Entwicklungshilfe] zu systematisieren“.

Was die SDG betrifft, wurde, „obwohl die Ansichten über den konkreten Stellenwert der Kultur in diesen ein wenig auseinander gehen, insbesondere hervorgehoben, dass sichergestellt werden muss, dass die Mitgliedstaaten und die EU den Stellenwert der Kultur in der Agenda nach 2015 weiterhin fördern und die Vorgehensweise zur Gewährleistung dieses Ziels festlegen“, so Maggy Nagel.

„Ich bin der Auffassung, dass die Debatte weitergeführt werden muss, und für den Ratsvorsitz wird dies insofern der Fall sein, als wir sie nach Brüssel zurückbringen, in der Hoffnung, unseren kleinen Beitrag zum Fortschritt auf diesem Weg leisten zu können“, erklärte sie abschließend.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 05-09-2015