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Konferenz des CEJA - Politiker und Vertreter der Landwirtschaft tauschen sich über die Zukunft der GAP und über Risiken und Chancen der Globalisierung für die Landwirtschaft aus

02-07-2015

Am 2. Juli 2015 fand in Ettelbrück die Konferenz des CEJA unter dem Motto „Empowering young farmers – a pillar of Europe 2050“ statt. Im Anschluss an die Eröffnungsreden widmete sich ein erstes Diskussions-Panel den Chancen und Risiken der Globalisierung für den Agrarsektor. Ein zweites Panel hatte die Perspektiven der Gemeinsamen Agrarpolitik für 2030 und 2050 zum Thema.

Chancen und Risiken der Globalisierung für den Agrarsektor

Die erste Podiumsdiskussion der CEJA-Konferenz in Ettelbrück, am 2. Juli 2015
Für Jean Feyder, den ehemaligen Luxemburger Botschafter bei der UNO und der WTO, lasse die Politik der Liberalisierung „die Länder des Südens“, deren Handelsbilanzdefizit unaufhörlich steige, verarmen. Die Tatsache, dass 54 afrikanische Staaten im Jahr 2014 Nahrungsmittel für eine Summe von 24 Milliarden Dollar importierten, habe ihm zufolge zu hohen Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten in der afrikanischen Landwirtschaft geführt und eine Zunahme der Armut und des Hungers in ländlichen Gebieten verursacht. „In Ghana beispielsweise stammte vor 30 Jahren das gesamte Hühnerfleisch von kleinen, lokalen Erzeugern, während heute 90 % dieses Fleisches importiert werden, insbesondere aus Brasilien, aus den USA und aus der EU“, erklärte Jean Feyder und führte aus, dass die europäischen Exporte in dieses Land „unter dem Selbstkostenpreis“ lägen, sodass die lokalen Erzeuger „nicht mehr wettbewerbsfähig sind“.

„Daher verlassen Jahr für Jahr 50 Millionen Menschen ohne Perspektive den ländlichen Raum, um sich in Elendsvierteln niederzulassen, in denen sie kein besseres Leben haben“, sagte Jean Feyder. Dies erkläre seiner Ansicht nach, warum viele Afrikaner beschlössen, nach Europa auszuwandern.

Vor diesem Hintergrund müsse die EU ihm zufolge „fair“ und „solidarisch“ sein und „den afrikanischen Ländern das Recht geben, ein Modell der Lebensmittelhoheit umzusetzen, wie es die Europäer seit Jahren erfolgreich tun“.

In den Augen von Beat Röösli vom Weltbauernverband (WFO) biete die Globalisierung neue Chancen, werfe aber auch viele Fragen für die Landwirte auf, die insbesondere angesichts der Zunahme der Preisvolatilität besorgt seien. Die Globalisierung schaffe auch einen günstigen Rahmen für die industrialisierte Landwirtschaft, die viel Kritik ernte, da sie ihm zufolge keine nachhaltige Form der Erzeugung darstelle. 

Jean-Marc Trarieux von der GD Landwirtschaft der Europäischen Kommission und Winfried Meyer, Senior Vice President der Molkereigenossenschaft Arla Foods, hoben ihrerseits die Chancen der Globalisierung hervor.

Jean-Marc Trarieux begrüßte die Tatsache, dass die EU derzeit weltweit der größte Exporteur von Nahrungsmittelprodukten sei und dass diese Exporte 2015 trotz des russischen Embargos gestiegen seien. Seiner Meinung nach beständen langfristig positive Perspektiven für die europäischen Agrarprodukte, da die Schwellenärkte stark wachsen. Dies sei durch den Anstieg der Weltbevölkerung und der Nachfrage aus der Mittelschicht bedingt, die zunehmend hochwertige Produkte fordere.

Vor diesem Hintergrund habe die EU seiner Ansicht nach ein Interesse, eine ehrgeizige Freihandelsabkommenspolitik mit den asiatischen und afrikanischen Ländern zu führen. Dies gelte „verstärkt“ für den Agrarsektor.

Zu den TTIP-Verhandlungen mit den USA meinte Jean-Marc Trarieux, dass dieses Abkommen für den europäischen Agrarsektor vorteilhaft sein könne, insbesondere für seine hochwertigen Produkte wie Wein, Spirituosen oder Milchprodukte, die „vom amerikanischen Verbraucher sehr geschätzt werden“. Allerdings dürfe „dies keine Kompromisse bei unseren Produktions-,  Gesundheits- und Umweltstandards zur Folge haben“, unterstrich der Vertreter der Kommission.

„Die Globalisierung der Agrarmärkte bedeutet, dass wir nach Chancen auf den Schwellenmärkten in Lateinamerika, Asien und Afrika suchen müssen – anders geht es nicht“, schlussfolgerte der Vertreter der Kommission, welcher der Ansicht war, dass sich Schäden vermeiden ließen, indem man nach „Ad-hoc-Lösungen“ für sensible Produkte suche.

Winfried Meyer fügte hinzu, dass „wir uns an den Markt anpassen müssen“. Zu diesem Zweck habe Arla Foods eine Strategie entwickelt, die insbesondere darin bestehe, „den Basismarkt auszubauen“, vor allem den nordeuropäischen Markt, und auf das Wachstum der neuen Märkte zu reagieren, z. B. in Dubai oder in den südostasiatischen Ländern. In seinen Augen bestehe die Stärke der europäischen Milchwirtschaft in der Qualität ihrer Produkte und in ihrer Innovationsfähigkeit. Ihre Schwächen seien die Produktionskosten für Milch und die Tatsache, dass die Milchwirtschaft „zersplittert“ sei und „Kapazitätsüberschüsse“ aufweise.

Perspektiven der Gemeinsamen Agrarpolitik für 2030 und 2050

Einladung zur Konferenz des Europäischen Rats der Junglandwirte (CEJA) am 2. Juli 2015
Das zweite Panel hatte die Perspektiven der Gemeinsamen Agrarpolitik für 2030 und 2050 zum Thema. Harald Grethe, Professor an der Universität Hohenheim in Deutschland, hielt einen Vortrag zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), in dem er zu dem Schluss kam, dass die GAP „nur wenige Fortschritte“ gemacht habe und dass sie den Herausforderungen nicht gerecht würde. Er kritisierte, dass die Zahlungen für die Ökologisierung („Greening“), die 30 % der Direktzahlungen an die Landwirte ausmachten und an nachhaltige landwirtschaftliche Maßnahmen gebunden seien, nur „Kosmetik“ seien und nur „begrenzt Wirkung“ zeigten. Die GAP hat zwei Pfeiler: Direktzahlungen (pro Hektar) und ländliche Entwicklung.

Harald Grethe plädierte dafür, 30 % der Mittel vom ersten zum zweiten Pfeiler zu transferieren und zeigte sich sehr kritisch gegenüber Direktzahlungen, die er als ein „überholtes Modell“ bezeichnete, das „keinen Sinn ergebe“, da die Zahlungen „nicht klar abgegrenzt, nicht gezielt und nicht glaubwürdig“ seien. „Man muss ein deutliches Zeichen setzen, dass das Modell der Direktzahlungen abgeschafft wird“, bekräftigte er und war der Auffassung, dass Direktzahlungen für die Überlebensfähigkeit der Landwirte nicht von wesentlicher Bedeutung seien. Dabei befürwortete er gezieltere Maßnahmen. Außerdem kritisierte er die Tatsache, dass mit den Direktzahlungen häufig die Eigentümer landwirtschaftlicher Flächen finanziert werden und nicht Landwirte, die Land pachten.

Nach dem Vortrag wurde ein Runder Tisch mit fünf Landwirten gebildet. Die Teilnehmer waren: der Luxemburger Marco Gaasch, Vorsitzender der Landwirtschaftskammer Luxemburg, der Ire Alan Jagoe, Vize-Vorsitzender des CEJA, die luxemburgische Abgeordnete Martine Hansen (CSV) und die deutschen Europaabgeordneten Ulrike Müller (ALDE) und Martin Häusling (Grüne/EFA).

Der Europaabgeordnete Martin Häusling folgte der Argumentation von Harald Grethe und äußerte die Meinung, dass ohne „steuernde Funktion“ oder „Strukturförderung“ „Geld über Europa hinweg gestreut“ werde. Für den Europaabgeordneten sei daher ein „Ausstiegsszenario“ aus den Direktzahlungen erforderlich. Diese hätten das Preisniveau nach unten gedrückt − so wie bei den Milcherzeugern, die nur dank europäischer Subventionen überleben könnten. Er zeigte sich überzeugt, dass das Europäische Parlament angesichts aller Probleme, denen Europa gegenüberstehe, seine Mittel für die GAP, welche 40 % des EU-Haushalts ausmachten, kürzen werde.

Die Europaabgeordnete Ulrike Müller beharrte auf der Notwendigkeit der Generationsfolge und unterstrich, dass 63 % der europäischen Landwirte älter als 63 Jahre seien, während der Anteil an jungen Landwirten unter 25 bei nur 0,8 % läge. Mit Nachdruck verteidigte sie die Direktzahlungen, die eine wichtige Einkommenshilfe für die Bauern darstellten, insbesondere für Investitionen. Sie zitierte eine Studie, derzufolge 67 % der Direktzahlungen für die Landwirte einkommenswirksam seien.

Marco Gaasch bedauerte, dass die landwirtschaftliche Produktion vor allem aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung industrieller werde. Anstatt sich über die Direktzahlungen auszulassen, plädierte er dafür, Alternativen vorzuschlagen und meinte, dass die Landwirte europäische Mittel benötigten, um ihr Einkommen zu sichern. „Die Mittel der GAP sind der Ersatz für den Preis, den der Konsument nicht zahlen will“, ließ er wissen.

Martine Hansen bestritt, dass die Ökologisierung nur Kosmetik sei und führte die diesbezüglich hohen Anforderungen an. Sie war der Meinung, dass ländliche Entwicklung und Tierschutz mehr Bedeutung erlangen würden.

  • Letzte Änderung dieser Seite am 06-07-2015